Der Fluss des Lebens

Der Fluss des Lebens - Fluss in der Abendsonne, Hope and Shine

Ich mache jetzt täglich Yoga. Begonnen hat das Ganze in einer Phase, in der ich wieder einmal diesen schier selbstzerstörerischen Zwang hatte, mich sowie jedes und alles zu hinterfragen. Ob der Weg, den ich beschreite, auch wirklich der meine ist. Ob ich auch alles richtig mache, mit dem Kind und so. Was von dem, das ich mache, nun wirklich ich bin und was davon ich übernommen habe von Eltern und Vorfahren und ob das nun auch wirklich zu mir gehört. Was ich meinem Kind unbewusst weitergebe und ihm wer weiß was alles damit antue. Wie ich mit Kritik umgehe und was dahinter liegt, wenn ich mich am Schlips getreten fühle. Wie ich mit der Trauer umgehe und ob es nicht dann schön langsam genug ist damit.

Nach diesem intensiven Grübelwochenende, an dem ich ohnehin auf keinen grünen Zweig kam, fasste ich den Entschluss: Ich musste etwas Körperliches machen, um mich aus dieser Gedankenspirale herauszuholen. Yoga erschien mir am einfachsten. Ich kannte die Asanas von meiner regelmäßigen wöchentlichen Einheit, die ich seit Jahren besuche und es brauchte keinen Aufwand: Mich und meine Yogamatte waren alles, was ich benötigte. Außerdem musste ohnehin eine fixe Gewohnheit her, damit ich in meiner achtwöchigen Auszeit nicht komplett versumperte. Und nachdem in mir die Frage auftauchte, woher wohl dieser Zwang kam, auch in Urlaubs- bzw. Auszeiten etwas Sinnvolles tun zu müssen, konnte ich nur noch hoffen, dass regelmäßiges Yoga auch ein klein wenig auf meinen gerade so unruhigen Geist wirken würde.

So sprang ich am Montag um halb sieben motiviert aus dem Bett. Auf YouTube suchte ich mir ein sympathisch wirkendes Video aus, welches mir für meinen Yoga-Start nicht zu anspruchsvoll, aber auch nicht zu langweilig erschien. Es war gerade richtig. Nur an zwei der darauffolgenden Tage lockte die Versuchung, noch etwas im Bett zu schlummern, anstatt mich auf die Yogamatte zu schwingen. Ab dem vierten Tag war auch diese wie weggeblasen, denn: Es ist einfach großartig.

Zielstrebig steuere ich nun täglich meine Yogamatte an. Den Wäscheständer stelle ich kühn zur Seite, ohne den Drang zu verspüren, ihn abräumen zu müssen. Über die herum liegenden Schulsachen steige ich gelassen. Es gibt Wichtigeres zu tun: das Stärken von Körper und Geist.

Innerhalb von wenigen Tagen sind meine Verspannungen verschwunden. Mein ständiger mich marternder Vorwurf, dass ich etwas mehr Sport machen sollte, ist weg. Mein Gedankenkarussell hat sich beruhigt. Meine Muskeln sind stark. Meine Gelenke elastisch. Meine Schultern locker. Ich spüre es bei jedem Schritt. Es fühlt sich gut an.

Nach der Yoga-Einheit gehe ich mein Kind wecken. Einen Augenblick lang sehe ich ihm noch beim Schlafen zu. Unschuldig liegt sie da, meine Schöne, zart ihr Gesicht, sanft ihre Züge. Sie wird gleich ihr unwilliges, vorwurfsvolles “Mama! Ich will nicht aufstehen!“ murmeln. Sie wird sich missmutig auf die andere Seite drehen und die Decke über den Kopf ziehen. Sie wird sich tot stellen und nichts von dem, was ich in den nächsten zehn Minuten sagen werde, hören wollen. Ich muss an meine Mama denken, die oft lachend angedroht hat, uns eines Tages einen Kübel Wasser über den Kopf zu schütten, um uns aus dem Bett zu kriegen.

Da entkommt mir ein Lächeln. Die Dinge wiederholen sich. Das Rad der Zeit dreht sich unentwegt weiter. Wer weiß, worüber sich meine Mama noch alles geärgert hat. Worüber sie gegrübelt und weswegen sie an sich gezweifelt hat. Jetzt hat sie es geschafft. Sie durfte gehen, dorthin wo wir alle einmal sein werden. Manchmal spüre ich ihre Energie und einen tiefen Frieden. Es geht ihr gut, dort wo sie ist, ich weiß es.

Meine Tochter seufzt und dreht mir ihr hübsches Gesicht zu. Vertrauen in die Welt und Unvoreingenommenheit spiegeln ihr Antlitz wider. Das Leben ist im Fluss. Es ist gut. So wie es ist, ist es gut.

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