Es wäre schön gewesen

Eine Pflanze steht am Fensterbrett - es wäre doch schön gewesen, wenn

Sie kaute an ihren Fingernägeln, lehnte ihren Kopf an meine Seite. Sobald ich ein gebrauchtes Taschentuch beschämt auf die Anhäufung von zerknüllten Papiertüchern neben mich auf die Bank legte, reichte sie mir ein Neues. Sie aß nichts, wie ich und trank nichts, wie ich, sie spielte nicht mit ihren Kusinen wie sonst, sie blieb still.

Befangen beäugte sie meine Mutter, die wie immer in ihrem Krankenbett lag, nur dass sie heute um kein Glas Wasser bat, das man ihr reichen möge, dass heute kein mildes Lächeln ihr Gesicht umspielte, sie ihre Liegeposition nicht mehr geräuschvoll wechselte, kein Atem sie durchströmte und keine Wärme mehr aus ihr heraus- und in mich hineinquoll.

Altes Kaffeehäferl mit magentafarbenen Blumen zu sehenDer Bestatter kam erst am späten Nachmittag und als sie den Sarg mit meiner Mutter hinaustrugen, hinaus aus der Stube, die meine Kinderstube war, die Stube, in der sie meine Socken gestopft, den Tisch gedeckt und wieder abgeräumt hatte, in der sie die Glasvitrine mit ihrem schönsten Geschirr bestückt hatte, das sie nur zu besonderen Anlässen andächtig herausnahm,  die Stube, deren Holzboden sie allsamstäglich geschrubbt, deren Fenster sie zu den Feiertagen geputzt und ihre geliebten Pflanzen auf der Fensterbank gegossen, umgetopft, umgestellt, sich an ihren Blüten erfreut und von der aus sie manchmal, wenn sie sich unbeobachtet wähnte, den Blick sehnsüchtig in die Ferne gerichtet hatte – als man meine tote Mutter aus dieser ihrer Stube hinaustrug, da nahm meine Tochter still meine Hand in ihre, wärmte mein erschrockenes Herz mit ihrem feuchten Kinderhändchen und ließ erst wieder los, als alle Tränen dieses Tages versiegt waren.

Gott sei Dank hast du sie kennengelernt, dachte ich am Grab meiner Mutter, wie furchtbar wäre es gewesen, hätte ich ein Kind, dessen Bekanntschaft du nicht gemacht hättest, unvorstellbar wäre das. Kein Kind hätte ich haben wollen, dem du nicht in die Augen geschaut, das dir nicht vertraut gewesen, das du nicht in dein Herz geschlossen hättest. Gottseidank hast du sie aufwachsen sehen, die paar Jahre zumindest hat sie dich zum Lachen gebracht, so wie sie mich stets zum Lachen bringt, hast du ihr Butterbrote mit Honig schmieren und ihr Süßigkeiten zustecken dürfen, ihr Ostereier versteckt, sie am Schoß halten dürfen, konnte sie ihre zappeligen Beinchen gegen deine Schienbeine schlagen und ihre verknoteten Haarknäuel an deiner Brust reiben.

Während sich Dankbarkeit in meinem Herzen breitmachen möchte, immerhin ist es nun schon einige Zeit her, dass du tot bist, da beginnt etwas zu fließen, es sind Tränen, tatsächlich.

Kleines Mädchen mit weißem Kleid zu sehenDenn soweit kam es nicht, dass sie dir mit ihrem entzückenden Zahnlückengebiss übermütig entgegenlachen hätte können, es kam auch nicht soweit, dass sie dir ihre kläglichen Gitarrenspielversuche hätte zumuten können und nicht soweit, um dir ihre ersten köstlichen Aufsätze vorzutragen. Es kam nicht soweit, dass sie dir in ihrem Erstkommunion-Kleidchen stolz Pirouetten vor deiner Nase drehen hätte können und nicht soweit, um dir mit betroffenem Blick von ihrem ersten Fahrradsturz zu erzählen. Es kam nicht soweit, dass du ihr immer fester und seidiger werdendes Haar wachsen hättest sehen können, sie in festlicher Schuluniform bewundern und ihre kindliche Unschuld hättest langsam abfallen sehen. Es kam nicht soweit, dass du ihre pubertären Wutausbrüche mitbekommen hättest und auch nicht soweit, dass du am eigenen Leib spüren hättest können, dass sie in allem dennoch Liebe pur ist.

Und inmitten all dieser Traurigkeit staune ich: Warum habe ich diese Gedanken noch nie gedacht, mir nicht gestattet, mich euch beide – meine nähesten zwei Lieblingsfrauen und Verbündeten – in einer Zukunft gemeinsam vorzustellen? Warum die Geschichte nie weitergedacht? Meine Vorstellung endete an deinem Todestag, meine Fantasie verhakte sich in der Vergangenheit, meine Engstirnigkeit ließ keine weiteren Bilder zu.

Doch nun plötzlich tun sich Bilder auf. Bilder mit zwei vereinten Seelen, einer alten und einer jungen, einer Seele voller Weisheit, eingebettet in himmlische Ruhe und einer Seele voller Unbekümmertheit, die sich leidenschaftlich in das Abenteuer Leben stürzt. Plötzlich sehe ich diese beiden Gitarrespielend, Kleider schwingend, wild gestikulierend, mit Zahnlücken und zerzausten Haaren auf Fahrrädern dem Horizont entgegenrasen.

Nun lache ich; tatsächlich. Denn auf einer Ebene, da ist dieses schöne Bild Wirklichkeit.

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