I brauch mei Überdosis Gfüh´l

Durch das Herbstblatt scheint die Sonne - Mei Überdosis Gfüh´l

Was tun, wenn einem plötzlich alles lose und schal erscheint? Wenn man zu sehr an der Oberfläche lebt und doch viel lieber in die Tiefe gehen würde? Wenn man wieder einmal seine Überdosis G´fühl braucht? Ich mache mich auf Wundersuche – und es passieren Wunder. 

Der Alltag ist mir zu alltäglich geworden, durchsät von zu vielen Verpflichtungen, zu hohlen Gesprächen und trivialen Geschehnissen. Es berührt mich, begeistert mich zu wenig, die Tage verstreichen, einer nach dem anderen, belanglos, bedeutungslos fast. Ich funktioniere, rede, lache, aber nicht ganz, nicht von innen her, alles geschieht zu sehr an der Oberfläche. Ich möchte mehr spüren, tiefsinniger reden, ich will, dass mich etwas durchströmt, es soll groß sein, intensiv, ekstatisch. Ich brauche nicht das Alltägliche, das Gewöhnliche, ich brauche mehr, viel mehr Gefühl, eine Überdosis davon, ich brauche sie, meine Überdosis G´fühl.

Ich begebe mich auf die Suche, eine Stunde habe ich Zeit, nur für mich zu sein. Ich gehe hinaus in die Sonne, die schon seit Tagen unermüdlich scheint, aber es nicht schafft, mich damit in Entzücken zu versetzen. Ich gehe langsam, schaue mich um, begebe mich auf die Suche, auf die Suche nach Wundern, nach kleinen Dingen, die vielleicht groß werden können, wenn man ihnen genügend Zeit gibt sich in einem zu entfalten, wenn man sie mit den richtigen Augen anblickt.

Rotes Blatt schimmert im Herbstlicht - I brauch mei Überdosis GfühlIch gehe so lange, bis ein leichtes Wohlgefühl in mir aufsteigt, die warmen Strahlen, sie tun ihre Wirkung, jetzt, da ich nicht renne, nicht einem Termin hinterher hetze. Jetzt da ich ihnen Zeit gebe, kann die Wärme in mich eindringen, Stück für Stück, ich warte so lange, bis es leicht zu prickeln beginnt. Ich fotografiere das bunte Herbstlaub, das mir in die Augen sticht, mir entgegenschreit, beachte mich doch, mich kräftiges Purpurrot, das es in keinem Farbkasten der Welt gibt, mich weiches Ockergelb, das sich in strahlendes Gold verwandelt, wenn die Sonne hindurch scheint, mich sattes, erdenes, tiefes Braun. Ich erhöre sein Rufen, schaue es eindringlich an, jedes Blatt studiere ich, Farbe, Maserung, Glanz, woher kommt nur dieser wunderbare Glanz auf jedem Blatt?

Ich zwinge mich, zu verweilen, sie anzustarren, die Buntheit des Laubes, stelle mir all diese Farbenpracht vor, wie sie meine Zellen einfärbt, eine nach der anderen, von oben nach unten, von vorne nach hinten bis ich selber ein schillerndes, leuchtendes Blatt bin, eines das gesehen werden will und sich gern zeigt im Glanz der Sonne. Bis ich spüre, dass sich in mir alle diese Farben breit machen und es heller wird in mir.

Ich höre Musik, nicht irgendetwas, das im Radio läuft, ich höre Musik, die mich berührt, Lieder, deren Texte mich ansprechen, Ockergelbe Blätter leuchten im Herbstlicht - I brauch mei Überdosis Gfühlsolche, die mir etwas bedeuten, mich an etwas erinnern, mich inspirieren. Ich schließe meine Augen und versuche sonst nichts zu tun, als zuzuhören, mich nicht einmal fortzubewegen und es fällt mir schwer, sehr schwer sogar, aber nach einiger Zeit, da merke ich, dass die Klänge in mich übergehen und wenn ich genau hinspüre, scheint etwas in mir sogar zu vibrieren.

Es ist mir leichter ums Herz, so leicht, dass ich zu lächeln beginne und den Menschen freundlich in die Augen blicke. Einen Einkauf muss ich noch erledigen, schnell, meine Zeit ist um, aber ich renne nicht, hetze mich jetzt nicht. Ich trage noch die Ruhe in mir, die Ruhe, die die Wärme der Sonne, die Farben der Blätter, der Klang von Musik mir in einer knappen Stunde zu geben vermochte.

Ich besorge ein paar Kleinigkeiten, ein Mann an der Kasse sticht mir ins Auge. Er hat längeres, weißes Haar, das er offen trägt und ein wallendes, weißes Hemd an. Er lässt mich an einen indischen Guru denken, auch der Inhalt seines Einkaufwagens, der sich von Koriander über Curry und Kokosmilch erstreckt, passt zu meinem Bild. Er wendet mir bedächtig sein Gesicht zu und noch bevor ich mich verlegen wegdrehen kann, weil er mich dabei ertappt hat, wie ich ihn beobachte, lächelt er mich an. Wir kommen ins Gespräch und erzählen uns, wie das Essen in unseren Haushalten heute Abend aussehen wird. Nachdem ich meine Einkäufe verstaut habe, ihm einen angenehmen Abend wünsche und mich zum Gehen wenden möchte, vernehme ich die Worte „Freude, Harmonie und Gesundheit für Sie“, die wohl mir gelten.

Ich traue meinen Ohren nicht. Ich lasse mir den Satz auf der Zunge zergehen. Welch schöne Verabschiedung, welch wunderschöne Wünsche für einen harmoniesüchtigen Menschen, der auf der Suche nach mehr Tiefgang und Freude ist.

Viele kleine Dinge wurden groß. Meine Wundersuche – sie hat funktioniert. Und da ist sie auch, meine Gefühlsüberdosis: I hob mei Überdosis G’fühl.

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