Eins kann mir keiner nehmen

Boots stapfen im Regen - Die pure Lust am Leben - Hope and Shine

Mitten an einem grauen Regentag überkommt mich auf einer Autofahrt ein großes Glücksgefühl. Warum? Ich weiß es nicht. Es kommt einfach so, aus dem Nichts. Jedoch veranlasst mich dieser Moment, mir folgende Frage zu stellen: Warum sind wir eigentlich nicht öfter einfach grundlos glücklich? Besser noch: Warum nicht immer?

Ich fahre mit dem Auto. Im Radio läuft „Raising my family„. Ich bin nicht schnell unterwegs, nichts treibt mich zur Eile. Es regnet, aber ich komme gut voran. Beim Refrain summe ich mit. Unvermittelt macht mein Herz einen Sprung. So einen, den Herzen machen, wenn etwas Besonderes geschieht. Wenn man zum Beispiel frisch verliebt ist und seinen Herzensmenschen in Kürze treffen wird. Oder man kurz vor einem größeren Urlaub steht, den man vor Ewigkeiten schon geplant hat. Oder man den Schlüssel für die neue Wohnung zum ersten Mal in Händen hält. Fast so, als ob man verstorbene Eltern plötzlich lachend zur Tür hereinkommen sieht, als wäre nichts gewesen. Als hätte man gerade erfahren, dass das eigene Buch veröffentlicht werden würde. So einen Satz macht mein Herz.

Regentropfen auf der Scheibe machen aus dem Licht verzerrte Punkte - Die pure Lust am Leben - Hope and ShineAber nichts dergleichen ist passiert. Ich habe kein Buch geschrieben, ich habe mich nicht frisch verliebt. Keine neue Wohnung ist in Sicht, kein Urlaub steht bevor. Meine Eltern sind noch immer tot. Und dennoch scheint es so, als würde sich etwas in mir unbeschreiblich freuen. Einfach so macht sich eine blanke Lebenslust in mir breit. Durchströmt mich eine unbändige Freude auf das Ankommen an meinem Ziel und gleichzeitig freue ich mich auf das anschließende Nachhausekommen. Begeistere ich mich ob dieser unspektakulären Fahrt im Regen, beglückt mich der Gedanke an das Morgen, obwohl nichts Besonderes ansteht.

Warum aber, grüble ich, ist das eine Ausnahmeerscheinung, etwas Außergewöhnliches? Warum nur ein kurzer Augenblick und nicht ein ständig bleibender? Warum freuen wir uns nicht täglich des Lebens, einfach so? Warum ist es nicht unser Normalzustand vor Freude überzuquellen? Sind wir nicht dazu da, uns zu erfreuen an den Schönheiten dieser Welt, an allem, was ist, an unserem Gegenüber und ganz besonders an uns selbst? Sind wir nicht dazu da, alles das zu lieben und uns lieben zu lassen?

Ich fürchte, ich vergesse es allzu oft. Ich bin zu oft im Kampfmodus. Glaube ständig Dinge machen zu müssen und diese konsequent durchzuziehen. Glaube, alles im Griff, alles geregelt haben zu müssen. Denke, dass alles rechtzeitig erledigt sein muss, ich funktionieren, vorankommen muss. Aber eigentlich muss ich das alles nicht. Ich habe mir diese Fesseln selbst auferlegt. Eigentlich darf ich öfters loslassen, darf ich locker bleiben, darf einfach sein. Eigentlich darf ich bisweilen fünf gerade sein und es gut sein lassen. Eigentlich muss ich nicht ständig auf alles achten, alles bedenken, alles geben. Eigentlich darf ich auch manchmal unvorbereitet sein und so ankommen, wie ich bin. Eigentlich darf ich mich lieben lassen, ohne mich dafür anzustrengen, ohne etwas dafür tun zu müssen. Eigentlich darf ich immer wieder alles so sein lassen, wie es ist und darauf vertrauen, dass es wie es kommt, genau richtig für mich ist.Die Sonne kommt hinter Regentropfen hervor - Hope and Shine - Die pure Lust am Leben

Je weniger ich mich damit beschäftige, welche Dinge unbedingt in meinem Leben sein müssten und was ich alles erreichen muss, desto friedlicher kann ich im Hier und Jetzt sein. Je mehr ich mich einem einzelnen Augenblick hingebe, desto mehr Freude kann ich empfinden. Je mehr ich loslassen kann, desto eher geschehen die Dinge ganz von selbst. Je mehr ich meine Fesseln lockere, desto öfter kann ich die einfachsten Dinge genießen. Desto öfter kann ich grundlos glücklich sein. Desto öfter kann mein Herz seine Sprünge machen.

Je mehr ich vertraue ins Leben, desto mehr kann mir eins keiner nehmen: die pure Lust am Leben.

 

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