Du bist wertvoll

Muschel im Sand - Du bist wertvoll wie eine Muschel auch wenn du nur ein Stein bist

Jetzt weint sie schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Ihre Freundin hat eine Muschel gefunden, eine ganz große. Wir suchen und suchen, aber so eine schöne findet sich am ganzen Strand nicht mehr. Ich hab noch nie so etwas Tolles gefunden, schluchzt sie verzweifelt. Nie entdecke ich etwas Spannendes. Nie tauche ich etwas Interessantes auf. Nie bin ich die Schnellere, nie …

Aber geh, sage ich nach der langen Reihe ihrer Aufzählungen. Du kannst doch dieses und jenes so gut. Du bist doch wertvoll, genauso wie du bist. Aber es nützt nichts. Während dem vergeblichen Versuch, sie zu trösten, entdecke ich eine Gemeinsamkeit. Auch ich war stets ein Durchschnittskind. Ich konnte nie etwas besonders. Nicht am schnellsten laufen, am weitesten springen, am tollsten Witze erzählen. Vielleicht habe ich den ein oder anderen guten Aufsatz geschrieben, aber eine mir innewohnende Bescheidenheit hat es mir nicht erlaubt, darauf groß stolz zu sein.

Warum eigentlich nicht? Warum auch nicht stolz sein auf das „Gewöhnliche“, „Normale“? Auf unser Verhalten, unser Denken, wie wir die Dinge angehen? Darauf, wie wir auf Menschen zugehen. Worüber wir uns Gedanken machen. Wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, mit ihr umgehen. Was uns beschäftigt, was wir gerne verstehen wollen. Auf die Zwischentöne, die wir heraushören. Auf die Lieder, die wir kennen, auch wenn uns Textteile fehlen. Auf die Meter, die wir machen, auch wenn wir Zweiter sind. Auf das halbe Rad, das wir schlagen, auf verwackelte Handstände. Auf die Bücher, die wir gelesen, Geschichten, die wir gehört haben. Auf unsere Art zu erzählen und nachzufragen. Auf alles, was wir erlebt haben, auf unsere Familie. Auf Dinge, für die wir nichts leisten müssen. Auf uns, wie wir nun einmal sind: auf unseren Selbstwert.

Mein Kind kann schwer zufrieden mit sich sein, wenn ich es ihr nicht vorzeige. Wenn ich nicht anfange, mein Haupt stolz erhoben zu halten. Wenn ich nicht meine von mir angenommene Durchschnittlichkeit so gut finde, als wäre ich Weltmeister in allem. Wenn ich nicht alles so überzeugt tue, als wäre ich mir in allem sicher. Wenn ich mir nicht erlaube, stets so sein zu dürfen, wie ich bin.

Nun übe ich also, auf mich stolz zu sein. Nicht nur, wenn mir ein guter Artikel gelungen ist. Wenn der Kuchen schön flaumig geworden ist. Auch wenn ich einen schlechten Text geschrieben habe, ist genau dieser wichtig für meine Entwicklung hin zum nächsten, vielleicht besseren. Ein nicht perfekt gelungenes Backwerk lehrt mich vielleicht irgendwann, nicht ständig vom Rezept abzuweichen. Ein schlechter Kopfstand lässt mich gedeihen auf meinem Weg zu einem, der eines Tages möglicherweise gelingt – oder auch nicht. Nicht nur auf unsere Erfolge dürfen wir stolz sein. Auf jene Dinge, die in unserer Welt mit guten Noten bewertet und mit Beachtung honoriert werden. Wir dürfen all unsere holprigen Versuche, all unsere mangelhaften Schritte, all unsere Fehltritte selbstbewusst begehen. Wir dürfen immer befreit wir sein, so wie wir sind, egal ob uns die Dinge gut, weniger gut oder gar nicht gelingen.

Anstatt, wie ich es immer tue, bewundernd zu anderen aufzuschauen, probiere ich nun, Bewundernswertes an mir zu finden. Anstatt zu staunen über die Wortgewandtheit und Kreativität anderer, suche ich Faszinierendes an mir. Anstatt mich von anderen beeindrucken zu lassen, versuche ich, von mir selbst beeindruckt zu sein. Von meinem Reden, meinem Lachen. Von nichts als meinem bloßen Sein.

Steine am Meer - jeder einzelne von ihnen ist wertvollFreudestrahlend legt mir meine Tochter tags darauf fünf bunte Steine auf den Bauch. Schau, ruft sie euphorisch, die hab alle ich gefunden, die sind voll schön!

Fasziniert betrachten wir sie. Jeder hat eine andere Form, eine andere Farbschattierung, andere Rundungen. Alle haben sie Unebenheiten und Unregelmäßigkeiten. Es könnten ganz normale Steine sein. Aber wenn wir sie betrachten, als wären sie Wunderwerke, dann sind sie Wunderwerke. Wenn wir sie hochheben und im Licht der Sonne leuchten lassen, dann sind sie Diamanten. Wenn wir sie in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen, dann sind sie groß. Wenn wir sie feiern, dann sind sie Stars. Sie müssen dazu nichts tun. So wie auch du und ich nichts tun müssen, weil wir von vornherein Stars sind. Von Geburt an bereits Diamanten, die ins rechte Licht gerückt ganz ohne Anstrengung glänzen. Wir mühelos groß und größer werden. Wir uns ohne Kraftanstrengung wohlfühlen dürfen in unserem bloßen Ich – einem einzigartigen Wunderwerk.

 

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