Die Zeit ist dein Bauwerk

Die Zeit ist dein Bauwerk

Obwohl ich nicht weg will aus diesem schönen, warmen Ort in Griechenland mit seinem unendlichen Meer, in dem sich täglich neue Blautöne entdecken lassen, seinem unfassbar weiten Sternenhimmel mit den unzähligen Sternschnuppen, die stets unerwartet vom Himmel sausen, seinen von der Sonne aufgewärmten Steinen, auf denen es sich nächtens so wunderbar aushalten lässt, seinen versteckten Schatten- und Yogaplätzen, die ich nun je nach Tageszeit unterschiedlich aufzusuchen weiß, ist die Zeit dort abgelaufen. Egal, ob ich versuche, die Tage gut auszunützen oder einfach nur in sie hineinlebe, sie richtiggehend vertrödle, ohne etwas Sinnvolles zu machen, verrinnt mir die Zeit wie Sand unter den Fingern. Ich packe meine Koffer und verlasse den Ort, der mir so vertraut geworden ist. Jenen Ort, in dem ich ganz besondere, richtungsweisende Bücher lesen durfte. Jenen Ort, an dem ich in tiefste Meditationen versank, die mir Tränen hervorlockten. Jenen Ort, an dem mir meine verstorbenen Eltern so nahe waren wie selten zuvor. Jenen Ort, an dem ich so vieler gedachte, deren Zeit hier abgelaufen und unwiederbringlich vorbei ist. Jenen Ort, an dem ich Kraft und Hoffnung schöpfte und wieder ein Stückchen Heilung erfahren durfte.

Ich trFlug über den Wolken - Die Zeit ist dein Bauwerkete die Reise an mit Wehmut aber auch Vorfreude. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich zum ersten Mal mit meiner Tochter allein reise und ich bin aufgeregt ob des besonderen Ereignisses. Meine Tochter, sie fürchtet sich vor dem Flug. Weinend sitzt sie auf meinem Schoß. Sie hat im Radio gehört von abstürzenden Flugzeugen und toten Menschen. Schade um die Zeit, die wir uns fürchten und in Sorge sind, sage ich, aber es ist, wie es ist. Ein turbulenzloser Flug und die freundlichste Besatzungscrew sind Antworten auf ihre Fragen. Der charmante Stewart ermöglicht ihr sogar einen Blick ins Cockpit, der ruhige Pilot befragt sie offenbar interessiert über den Urlaub. Unser angenehmer Sitznachbar, selbst vier Wochen auf Kreta gewesen, weiß allerhand Interessantes zu erzählen. Meine Tochter vergisst, sich zu fürchten. Sie schreibt dem Stewart Zettelchen und plant aufgeregt ihre Unterstützung bei der Ankunft mit dem Reisegepäck.

Ich komme an in einem schönen Land. Das Grün ist grüner geworden, als es vorher war, die Gärten wurden während meiner Abwesenheit gewiss überarbeitet und noch liebevoller gestaltet. Die Luft ist durchgeputzt, es riecht nach Regen. Auch hier ist es vertraut. Anders vertraut. So wie Heimat vertraut.

Die grünen Gärten in NÖ - die Zeit ist dein BauwerkDie Zeit ist tatsächlich viel zu schnell vergangen. Vier Wochen Kreta sind unwiederbringlich vorbei und wer weiß, ob sich so etwas Besonderes jemals wiederholen wird. Doch ich sehe, dass alles, was passiert, auch weiterhin gut ist für mich. Mir in die Hände spielt. Der angenehme Flug, die nette Crew, die sanfte Landung, das perfekte Ankommen.

Sie ist nicht bloß vergangen, die Zeit. Sie hat mir Erinnerungen in die Zellen gepflanzt. Sie werden mir nützlich sein für spätere, ich werde auf sie aufbauen können. Stetig Hinzukommendes wird mich weiter formen, mich möglicherweise gelassener sein lassen und – wenn ich ganz großes Glück habe – mich vielleicht sogar ein ganz klein wenig weiser werden lassen. Die Zeit hat mich geprägt mit Erlebnissen, die nie mehr verloren sein werden. Sie hat mich geformt mit allem, was ich getan, gedacht, gesehen, gesagt bekommen habe. Diese verrinnende Zeit, die scheinbar viel zu schnell vergangen ist, hat mir Erholung gegeben, die eine Basis bildet für ein entspanntes Weitermachen.

Ich höre auf, mich gegen das Verfliegen der Zeit zu wehren. Sie hat getan, was sie konnte. Sie war nicht umsonst. Zu vergehen ist ihre Aufgabe. Ich fange an, mich auf kommende Erinnerungen zu freuen. Auf die aktivierende Frische des Herbstes nach einem langen Sommer. Auf die Energie des Alltags nach einem langen Urlaub. Auf das Künftige. Auf das Gewohnte und auf das Neue.

Sie darf verfliegen, die Zeit. Uns zu schnell vorkommen, selbst wenn sie wunderschön war. Sie darf uns wie Sand unter den Fingern verrinnen, denn verantwortungsvoll hinterlässt sie ihre Spuren. Prägt sie uns mit jedem gegangenen Schritt, jedem gedachten Wort, mit jeder vollbrachten Tat.

Sie bleibt in uns, die Zeit, auch die zu schnell vergangene. Sie verbraucht uns nicht einfach nur. Sie ist unser Bauwerk. Ein Bauwerk, das uns Tag um Tag, Sommer um Sommer, Jahr um Jahr, Stück um Stück vollendet.

 

 

 

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